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Dahers Weinberg darf nicht enteignet werden

Im Jahr 1924 kaufte Daher Nassar ein Grundstück. Das Land ist 42 Hektar gross und liegt etwa 9 km südlich von Bethlehem auf einem wunderschönen Hügel (ca. 950m ü.M ). Von dort hat man einen herrlichen Blick nach Westen bis zum Mittelmeer.
Da Daher ein Landwirt war, kaufte er dieses Land für seine Familie und wollte ihr damit eine gute Zukunft eröffnen. Er zog mit seiner Frau und den beiden Söhnen dorthin und wohnte in einer Höhle. Daher

 

begann mit den beiden Söhnen Nayef und Bischara das Land zu kultivieren. Mit viel Mühe und Schweiß pflanzten sie Hunderte von jungen Bäumchen: Granatäpfel, Mandeln, Feigen, Oliven und Weinreben. Mit diesen biblischen Pflanzen wurde das Land für seine Familie zu einem kleinen Paradies, das freilich Bebauung und Bewahrung brauchte, sollte es Früchte bringen.
Leider ist die Situation nicht lange friedlich geblieben. Anfang der dreißiger Jahre begann der Konflikt zwischen Juden und Arabern in Palästina. Der Ausbruch des 2. Weltkrieges und bald danach der arabisch-israelische Krieg, und der sechs Tage Krieg machten die Lage auch nicht einfacher. Im Oktober 1991 hörten wir (die Enkel von Daher Nassar) ganz zufällig, dass die israelische Militärregierung mehr als 30 Hektar von unserem Land beschlagnahmen wolle, mit der Begründung, das Land sei seit einiger Zeit unbebaut geblieben. Das bedeutet für Israel, dass das Land keinen Besitzer hat. Seitdem liegt der Fall vor Militärgericht und beschäftigt uns. Wir mussten ab Oktober 1991 viele Male vor Gericht erscheinen, unsere Landdokumente von 1924 und 1925 und die Zeugenaussagen sind für die Israelis noch nicht genug.
Anfang März im Jahr 1999 betrat eine Gruppe von Siedlern unbefugt unser Grundstück und begann, junge Ölbäume auszureißen. Die Bedeutung und die Folgen dieses Vorfalls blieben der Familie unklar, bis nach zwei Monaten eine Siedlergruppe mitten in der Nacht eindrang und mit Bulldozern eine Straße durch unser Grundstück rodete. Diese Straße wurde mit einer bereits existierenden asphaltierten Straße (sie führt zum nahegelegenen Dorf Nahalin) verbunden. Offensichtlich war die erste "Exkursion" der Siedler dazu bestimmt, das Land zwecks Rodung auszukundschaften.
Die Familie und die Besitzer der Nachbargrundstücke wurden sofort aktiv. Steinmauer und Stacheldraht, die durchbrochen und zerstört waren, wurden repariert, kultiviertes Land, das von der Straße beschädigt war, wieder gepflügt und Barrikaden zwischen den übrigen Straßenabschnitten errichtet. Blick auf die jüdisch-israelische Siedlung Bitar Illit im Westen
Doch ist das nicht das Ende der schrecklichen Situation, die sich um den Weinberg entwickelt hat. Anfang Mai begann die Siedler mit der Bautätigkeit an einer West-Straße. Viele andere palästinensische Grundstücke wurden durchkreuzt und schließlich erreichten die Traktoren und Bulldozer die nördliche Ecke unseres Gründstücks. Entgegen der vorher erwähnten Straße, die illegal und heimlich planiert worden war, geht es hier um eine Hauptstraße, die direkt aus der Siedlung führt, täglich von einer privaten Baugesellschaft unter dem Schutz der israelischen Armee und der Grenzpolizei gebaut.

 

Der Zugang zum Land wird durch Strassensperren blockiert
Zu den Siedlungen führen ausgebaute Strassen
Die Zugangsstrasse zu Dahers Weinberg ist zerstört worden
Blick auf den künftigen Zeltplatz


Obwohl wir alle Kauf- und Registrierungsdokumente aus den Jahren 1924 und 1925 besitzen, Gerichtsurteile in den vergangen Jahren zugunsten unserer Familie ergingen, ist das nicht genug. Wir sind wieder vor Gericht gegangen. Dort wurde uns mitgeteilt, dass uns ein palästinensischer Anwalt in der Angelegenheit der neuen Straße nicht vertreten darf. Deswegen haben wir zusätzlich zu unserem palästinensischen Anwalt einen israelischen engagiert. Wir haben alles versucht und auf verschiedenen Ebenen gearbeitet, bis es uns gelungen ist, die Siedler zu stoppen, aber die Strasse (ohne Asphalt) war in der Zwischenzeit schon fertig.
Ab Juli mussten wir unabhängig von dieser Strasse einige Male vor Gericht erscheinen (das läuft seit 1991). Das Militärgericht wollte Leute aus unserer Familie und andere Nachbarn von uns befragen, inwieweit wir/sie das Land kennen. Für das Militärgericht sind unsere Dokumente noch nicht genug.
Eine weitere Sitzung wurde auf den 14. September 1999 festgelegt. Doch haben die Siedler Anfang September wieder Probleme gemacht. Sie haben begonnen, unser Land, dort wo die "Siedlerstrasse" durchgeht, vorzubereiten, um neue Bäume anzupflanzen, indem sie Büsche und unsere Pflanzungen abhackten. Wir sind nicht die einzige Familie, es gibt noch andere Nachbarn von uns, die wie wir betroffen sind. Nach drei Wochen und viel Mühe ist es gelungen, die Arbeiter zu stoppen. Jetzt ist die Lage so, dass weder die Siedler noch wir auf diesem Gebiet unseres Grundstückes arbeiten dürfen.

Die umliegenden jüdisch-israelischen Siedlungen wachsen rasant und bedrängen das Grundstück der Familie Nassar:


Ende Januar 2002 bekam unser Rechtsanwalt einen Brief, das Militärgericht hat nach 10 Jahren unseren Antrag gegen die Enteignung ein Teil des Weinberges aus politischen Gründen abgelehnt, obwohl wir all die nötigen Dokumente und Landurkunden haben. Ein Anwalt in Israel musste sofort gesucht werden, der Menschenrechtsanwalt Jonathan Kuttab aus Jerusalem ist jetzt mit dem Verfahren beauftragt worden. Der Fall kommt nun vor den Obersten Gerichtshof in Israel.
Mitten in der Nacht auf den 12. Oktober 2002 haben israelische Siedler noch einen Weg durch unser Land gebaut, sie haben Olivenbäume zerstört und sind einfach mit dem Bulldozer gefahren. Diese Siedler wissen ganz genau, dass das Land privat ist, aber sie versuchen soweit es geht, neue Fakten auf dem Boden zu schaffen. Wir sind zu Polizei, gegangen und die Polizei hat gesagt, dass die Sache geprüft werden soll, ob das stimmt, wissen wir nicht. Wir haben die zerstörten Steinmauern wieder aufgebaut, doch eine Nacht später kamen die Siedler wieder und haben einen noch breiteren Weg gebaut. Jetzt bringt unser Rechtsanwalt das vor das Obergericht in Israel, um die Siedler zu stoppen. Seitdem haben wir die Steinmauern wieder aufgebaut und das vom Bulldozer zerstörte Land gepflügt.
In den Wochen und Tagen vor den Wahlen und kurze Zeit vor der Verhandlung vor dem Obersten Gericht in Israel kommt es immer wieder zu Übergriffen und zum Beginn von Strassenbauten von den Siedlungen her durch unser Land. Die Siedler nützen die politische Situation restlos zu ihren Gunsten aus und werden offenbar vom Militär und von den politischen Instanzen gedeckt.
Seit mehr als 12 Jahren kämpfen wir gegen die Enteignung eines Teils des Weinberges. Die Sitzung vom 5. Februar 2003 vor dem Obergericht in Israel statt, an der über die Enteignung eines Großteils unseres Landes verhandelt werden wird, soll offenbar nach den neuesten Informationen etwas verschoben werden. Das ganze wird uns mehr als 10 000 US Dollars an Anwaltskosten und anderen Spesen kosten, wir sind froh und sehr dankbar, dass die ersten 5 000 US Dollar vom Verein "Schweizer Freundeskreis Zelt der Völker" finanziert wurde. Das ist ein Zeichen der Solidarität mit uns und mit dem Weinberg.

Wir geben nicht auf, Dahers Weinberg darf nicht enteignet werden.
Daoud Nassar, Januar 2003

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Palästina / Israel: Landenteignung und friedlicher Widerstand

Ein Fall von symbolischer Bedeutung für Solidaritätskreise in der Schweiz
Seit 1990 ist der Landbesitz der Familie Nassar bei Bethlehem einem wachsenden Kreis von Menschen bei uns ein Begriff. Damals entstanden Beziehungen zwischen der Evangelisch-lutherischen Gemeinde und ihrem Pfarrer, Dr. Mitri Raheb, und der Fachstelle für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit der Reformierten Kirchen Bern-Jura und ihrem Leiter Pfr. Albert Rieger. Ihre weitere Vernetzung und die Öffentlichkeitsarbeit machte bekannt, dass das Grundstück der Familie Nassar, Mitglieder der Lutheranergemeinde Bethlehem, seit 1991 von der Enteignung durch die israelische Militärbehörde bedroht ist (zur Geschichte und Situation des Landes siehe den englischen Bericht der Nassar-Familie).

 

Die Geschichte wurde zum Beispiel für die andauernde und systematische Landenteignungspolitik der israelischen Besatzung in der Westbank und Gaza. Besuche von Solidaritätsgruppen und Pflanzaktionen halfen dabei, die Aufmerksamkeit wach zu halten und die Besitzerfamilie zu unterstützen, nicht zuletzt gegen die Übergriffe durch die Siedler aus den umliegenden israelischen Siedlungen.

Viel versprechendes Friedensprojekt

Ebenso konnten Kontakte zum Schweizer Freundeskreis von Givat Haviva, dem israelisch-arabischen Friedenszentrum bei Gadera etabliert werden (www.dialogate.org.il).
Im Sommer 1998 fand ein erfolgreiches Jugendtreffen im Pestalozzidorf in CH-Trogen statt. Initiantin und Organisatorin war Ursula Rosenzweig, Präsidentin des Schweizer Freundeskreises. Es brachte jüdische und palästinensisch-israelische Jugendliche zusammen mit einer palästinensischen Jugendgruppe aus Bethlehem unter der Leitung von Daoud Nassar, Mitglied der Landbesitzerfamilie und Jugendleiter. Daraufhin wurde beschlossen, die Friedensarbeit weiter zu führen. Im August wurde eine Vereinigung gegründet zum Zweck eines Partnerprojektes, das zum einen eine Jugendarbeit in Bethlehem aufbauen und zum anderen auf dem umkämpften Landstück einen Zeltplatz errichten will. Der "Schweizer Freundeskreis Zelt der Völker" - in Absprache mit der Familie Nassar - stellte Daoud Nassar als Projektleiter an und begann mit sehr gutem Erfolg und Anklang, in der Schweiz und in enger Kooperation mit einer ähnlich gesinnten Vereinigung in D-Trier, die bisher lockere Vernetzung von engagierten Menschen für die Friedensarbeit in Palästina und Israel mit Aktivitäten und Fundraising zu festigen und auszubauen. Eine erfolgversprechende Zusammenmarbeit bahnt sich an mit dem internationalen Werk des Jugendverbandes Cevy, HorzYon, sowohl in der Schweiz wie auch vor Ort in den Gemeinden Bethlehem und Beit Sahour.
Der zuerst geplante Fortschritt des Projektes wurde jedoch gebremst durch die politischen Probleme in den palästinensischen Gebieten und in Israel. Die kontinuierlichen Ausgangssperren behinderte die rasch wachsende Jugendgruppe bei ihren Treffen, und geplante weitere israelisch-palästinensische Treffen mussten auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Einmal mehr: Gefährdetes Land - Gefährdete Rechte - gefährdete Zukunft
Gegenwärtig bereitet uns der anstehende Gerichtsprozess über die Einsprache der Besitzerfamilie grosse Sorgen. Der Fall liegt seit einiger Zeit vor dem Obersten Gericht in Israel und soll am 27. April verhandelt werden. Die politische Situation verunmöglicht eine Vorhersage, obwohl die beurkundeten Besitzverhältnisse rechtlich vollkommen für die Besitzer sprechen. Zudem verunmöglichen es die seit Jahren sich ereignenden, häufigen gewalttätigen Übergriffe der umliegenden Siedler auf das Nassarland und die Siedlungsstrategie der Regierung Scharon, Vertrauen in die Wirksamkeit eines Entscheides zugunsten der Einsprache zu haben. So wurde ein Mitarbeiter von Peace Now von Siedlern aus Gush Etzion informiert, dass sie fünf Wohnwagen auf dem Land installieren wollen und bereits mit der Ausschreibung dieser neuen Siedlung an interessierte Familien begonnen hätten. begonnen hätten.
In ihrem friedlichen Kampf für ihre Rechte wird die Familie Nassar - neben den Vereinen in der Schweiz und in Deutschland - auch von Menschenrechtsorganisationen in Israel unterstützt, so die Rabbis for Human Rights, B'Tselem, Ta'ajush und Peace Now, sowie von christlichen Institutionen wie dem Bethlehem Bible College.

Im Frühling 2002 beginnen die Siedler mit dem Bau einer illegalen Strasse durch das Grundstück der Familie Nassar. Erst die Intervention vor Gericht stoppt sie vorläufig:

 

Im Schatten des Irakkrieges geht die israelische Besatzungs- und Besiedlungspolitik ungehindert weiter. Friedenswillige Menschen auf israelischer wie auch auf palästinensischer Seite verdienen es, Aufmerksamkeit und Gehör zu finden. Wir unterstützen sie auf unserer Seite mit friedlichen und demokratischen Mitteln und bitten Sie, einmal mehr am Fall des Nassarlandes in Ihrem Medium auf die alltägliche Wirklichkeit und grosse menschliche - und ökologische - Tragödie in Palästina hinzuweisen.

 


Meldungen und Bilder über die Situation auf dem Nassar-Land siehe www.bobmay.info/nasserlandcase.htm

Für mehr Informationen und Kontakte:

  • Sophia Bietenhard, Präsidentin "Schweizer Freundeskreis Zelt der Völker"; CH-Bern; E-Mail: skbietenhard@bluewin.ch

Sophia Bietenhard, 14.04.2003

 


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Die folgenden Dokumente liegen im pdf-Format vor.

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Dateigrösse 66 KB Daher's Weinberg. Geschichte deutsch (Dateigrösse 66 KB)
Dateigrösse 106 KB History of Daher's Vineyard (Dateigrösse 106 KB)
Dateigrösse 40KB Medieninformation deutsch Schweizer Freundeskreis (Dateigrösse 40KB)
Dateigrösse 63KB Facts of the Appeal of Nassar Familiy 2003 (Dateigrösse 66 KB)
Dateigrösse 92KB Memorandum from Jonathan Kuttab & Sani Khoury Office (Dateigrösse 92KB)

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