Chronik der Ereignisse 2024

Seit Jahresbeginn ist die Anspannung um und auf Dahers Weinberg noch einmal gewachsen. Siedler und die Armee bauen eine Strasse über einen Zipfel und der Grenze des Landstücks entlang. Die Familie hat Beschwerde eingereicht; doch was wird das nützen?

Im Februar wurden Daher und Daoud bei der Arbeit auf der neuen Rebenpflanzung von Soldaten und Siedlern aufgehalten und aggressiv bedroht. Ihre Papiere und Handies wurden stundenlang konfisziert; und es wurde ihnen vorgeworfen, sie würden auf fremden Land arbeiten. Wiederum scheint es, dass die Anwesenheit eines belgischen Volontärs sie vor Schlimmerem bewahrt hat.

3. Mai: Erfolgreicher Widerstand gegen illegale Baggerarbeit: (Ein Bericht von Andreas Paul, der im Rahmen des EAPPI-Programms in Bethlehem stationiert ist. EAPPI wurde vom Ökumenischen Rat der Kirchen ins Leben gerufen und begleitet PalästinenserInnen in Konfliktsituationen.)

Nach den gestrigen Hilferufen von Daoud fuhren wir heute wieder zum Tent of Nations. Amal und Daher erzählen von den gestrigen Ereignissen. Sie sind sehr stark und waren sehr nervös. Sie sind es gewohnt, solchen Ereignissen Stand zu halten. Die Erschöpfung und Nervosität ist ihnen nicht anzumerken. Sie strahlen über das ganze Gesicht. Eine klare Haltung der Gewaltlosigkeit und jahrelanges „Training“ gibt ihnen wohl diese unglaubliche Kraft! Sie hatten von Nachbarn gehört, daß ein Bagger schon am Tag davor auf der eigenen Hangseite gearbeitet hatte. Diese Seite ist nicht einsichtig vom Gipfel des Hügels aus. Meta (internationale Freiwillige) berichtet, daß sie auf Grund des Berichtes der Nachbarn, zu der Stelle geschaut hat und am späteren Vormittag wieder einen Bagger bei der Arbeit sah. Gemeinsam mit Amal forderten sie den mit Sturmgewehr bewaffneten Baggerfahrer auf, mit seiner Arbeit aufzuhören. Dieser war relativ freundlich und meinte, er würde nur Arbeit ausführen, die ihm angeordnet worden war. So verständigt er seine Auftraggeber. Bald erscheinen zwei Siedler in einem kleinen, geländegängigen Fahrzeug. Ebenso bewaffnet, beginnen sie aggressiv zu schreien und versuchen, die zwei Frauen zu vertreiben.

Ansprüche werden erhoben, wem das Land gehört!
Biblisches Land  – wir leben seit hundert Jahren hier;
Nassars haben Rechtstitel und Eigentumsnachweise – Siedler behaupten dies auch, wollen / können keine zeigen;
Zeigen des höchstgerichtlichen Urteils, das Anspruch der Familie Nassar bestätigt bzw. Stop jeglicher Bautätigkeiten fordert;
„Ihr behauptet, dies sei ein demokratischer Staat und ihr verhaltet euch so!“ – „Demokratischer Staat gilt nur für uns, mit euch kämpfe ich mit Waffen!“ “Bagger soll weiterarbeiten! – Nein, Stopp, das ist unser Land, ihr habt hier kein Recht zu bauen!”

Vom oberen Rand des Hügels schauen Bewohner des Dorfes zu. Manche scheinen belustigt über die Ereignisse, andere rufen der Familie ihre Solidarität zu und rufen die Verwaltung des Dorfes Nahalin an. Es ist unsicher, ob ein Näherkommen der Dorfbewohner hilfreich wäre oder nicht. Der Familie ist absolute Gewaltfreiheit wichtig! Wenn andere sich beteiligen bleibt in der Aufregung Kommunikation nicht immer gewaltfrei! Auch könnten sich die Siedler mehr provoziert fühlen und leichter zu ihren Waffen greifen. Kommunikation auf wenigen Meter Distanz im Angesicht scharfer Waffen.

Daoud arbeitet im Hintergrund, um alle Hebel in Bewegung zu setzen, diese illegale Bautätigkeit zu stoppen. Fahrzeugkennzeichen werden übermittelt. Der Rechtsanwalt kann das Militär erreichen, dieses ruft bei Meta an und erkundigt sich freundlich nach Lage, evt. Bedrohung, und Personen. Da Kontakt von Militär über Meta direkt zu Siedlern wenig sinnvoll ist, ruft Militär diese direkt an und gibt Anweisung, sich zurück zu ziehen. Dies tun die Siedler und der Baggerfahrer etwas verwirrt und ungehalten.

Daoud will eine Anzeige bei der Israelischen Polizei machen. Deren zuständiger Posten ist in der Siedlung Beitar Illit oberhalb des Dorfes Nahalin. Diese kann Daoud auf den für ihn erlaubten Straßen nur schwer erreichen und der Zugang zur Siedlung ist ihm verboten. Es braucht lange, bis er von der Polizei bei der Einfahrt abgeholt wird, um beim Posten dann zu erfahren, dass es – aus was immer für Gründen – nicht möglich ist, eine Anzeige gegen die Siedler zu erstatten. Letztlich gelingt es Daoud, eine Anzeige online einzureichen.

Das Ergebnis des Tages, das Amal und Daher fast mit ein wenig Stolz erfüllt, ist die Tatsache, dass es erstmals möglich war, laufende Bautätigkeit durch das Militär zu stoppen. Es scheint so, als ob diese Bautätigkeit eine eigenwillige Aktion weniger Siedler ist und nicht eine geplante Aktion staatlicher oder militärischer Planung. Es wird sich erst zeigen, ob diese Aktion auch nachhaltig erfolgreich war, oder ob die frustrierten Siedler nun zu andere Angriffe starten werden. Die Bedeutung internationaler Präsenz wird hier sehr deutlich! Ohne Meta wäre die Situation vermutlich anders verlaufen. Darum bittet Daoud dringend, dass mehr Freiwillige sich bereit erklären, länger auf dem Weinberg zu leben, so wie Meta dies tut.